7 Lektionen aus 2 Jahren Solo-Development mit KI
Von PawCare über BrainCare bis TradeAI. Von völligem Anfänger zu sechs Produkten. Und von einigen Fehlern, die ich gerne vorher gewusst hätte.
Vor zwei Jahren habe ich meinen ersten Sideprojekt-Ordner angelegt. Ich hatte keine Ahnung von Next.js, kein Verständnis für Architektur, und meine einzige Erfahrung mit KI war, dass ChatGPT mir mal einen Toast-Rezept gegeben hatte.
Heute laufen sechs Produkte. Tausende Nutzer. Kein Team. Keine Investoren. Nur ich, ein Laptop – und eine KI, die ich irgendwann aufgehört habe, als Tool zu betrachten, und angefangen habe, als Co-Developer zu behandeln.
Auf dem Weg habe ich mehr Fehler gemacht, als mir lieb ist. Aber jeder Fehler hat mir etwas beigebracht. Hier sind die sieben wichtigsten Lektionen.
1.KI ist ein Hammer. Nicht alles ist ein Nagel.
Am Anfang habe ich KI für alles benutzt. Code schreiben, E-Mails formulieren, Kochrezepte generieren. Ergebnis: viel Lärm, wenig Nutzen. Heute frage ich vor jedem Prompt: ‚Ist das ein Problem, das KI wirklich besser löst als ich?' Die Antwort ist überraschend oft Nein. KI ist unglaublich gut in Mustereckennung, Textgenerierung und Datenanalyse. Sie ist schlecht in gesundem Menschenverstand, Kontext und Verantwortung. Der Trick ist, die richtigen Aufgaben an die KI zu delegieren – und den Rest selbst zu machen.
2.Code verstehen > Code generieren
Mein größter Fehler: Ich habe KI-generierten Code in Production gebracht, den ich nicht vollständig verstanden habe. Das ging genau zweimal gut, dann bin ich auf die Nase gefallen. Ein Trading-Bot hat wochenlang leise falsche Signale generiert, weil die KI eine Logik eingebaut hatte, die in 90 % der Fälle funktionierte – und in den anderen 10 % mein Konto leerte. Meine Regel heute: Jede Zeile Code, die in Production geht, muss ich einem imaginären Kollegen erklären können. Wenn mir das schwerfällt, habe ich den Code nicht verstanden – und er bleibt draußen.
3.Erst das Problem, dann die Technik
Mein erster PawCare-Prototyp hatte 47 Funktionen. Die Nutzer haben genau drei davon regelmäßig genutzt. Ich hatte Monate verschwendet, um Dinge zu bauen, die niemand brauchte – weil ich von der Technik aus gedacht habe (‚Was kann KI?') statt vom Problem (‚Was braucht der Nutzer?'). Heute starte ich jedes Projekt mit einem Satz: ‚Hiermit löse ich folgendes Problem für folgende Person.' Wenn ich diesen Satz nicht in 10 Sekunden formulieren kann, wird nicht gebaut.
4.Solo heißt nicht allein – mit KI
Der größte Vorteil von KI für Solo-Entwickler ist nicht die Produktivität. Es ist die Geschwindigkeit, mit der man scheitern kann. Früher habe ich Tage gebraucht, um einen Prototyp zu bauen. Heute brauche ich Stunden. Das bedeutet: Ich kann 10 Ideen testen, bevor ich mich für eine entscheide. 9 werden scheitern – aber die eine, die funktioniert, ist es wert. KI macht Solo-Development nicht einfacher. Es macht es schneller. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
5.Dokumentation ist kein Luxus – sie ist dein Gedächtnis
Als Solo-Entwickler hast du niemanden, der dir sagt, was du vor drei Monaten gebaut hast. Ich habe angefangen, jede Entscheidung zu dokumentieren: Warum habe ich diese Architektur gewählt? Welches Problem hatte dieser Workaround? Welcher Prompt hat funktioniert? Diese Notizen sind heute mein wertvollstes Kapital. Sie sind auch der Rohstoff für mein Blog und mein Buch. Wer nichts dokumentiert, lernt nicht aus der Vergangenheit.
6.Produkte sind nie fertig – und das ist gut so
Am Anfang wollte ich jedes Produkt perfekt machen, bevor ich es veröffentliche. Ergebnis: Drei halbfertige Projekte in der Schublade. Heute veröffentliche ich, sobald der Kern funktioniert. PawCare war bei Launch eine einzige Seite mit drei Funktionen. Der Rest kam durch Feedback der echten Nutzer. Ein Produkt, das live ist und 80 % der Probleme löst, ist besser als eines, das zu 100 % fertig ist – aber nie das Licht der Welt erblickt.
7.Der wichtigste Skill ist nicht Programmieren
Nach zwei Jahren ist mein wichtigster Skill nicht TypeScript, nicht Prompt-Engineering, nicht Architektur. Es ist die Fähigkeit zu entscheiden, woran ich heute arbeite. Ohne Chef, ohne Product Owner, ohne Team liegt die Verantwortung komplett bei mir. KI kann mir helfen, schneller zu arbeiten. Aber sie kann mir nicht abnehmen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dafür braucht es Klarheit, Disziplin und manchmal den Mut, etwas einfach sein zu lassen.
Was bleibt
Zwei Jahre Solo-Development mit KI haben mich nicht nur zu einem besseren Entwickler gemacht. Sie haben mich gelehrt, dass Technologie nie der limitierende Faktor ist. Es sind immer die Fragen: Baue ich das Richtige? Für wen? Und warum?
Wer diese Fragen beantworten kann, für den ist KI der mächtigste Beschleuniger, den es je gab. Wer sie ignoriert, wird mit KI einfach schneller in die falsche Richtung laufen.
Meine gesamte Geschichte, alle Workflows, Strategien und Prompt-Techniken habe ich in meinem Buch aufgeschrieben – für alle, die denselben Weg gehen wollen, ohne dieselben Fehler zu machen.
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Zum Buch →Geschrieben von Oliver Schwirz, Solo-Entwickler und Gründer von DogsCreationLab.