Wie ich mit KI einen Science-Fiction-Roman geschrieben habe
Ich entwickle seit zwei Jahren digitale Produkte mit KI. Aber eines Abends stellte ich mir eine Frage, die sich mit Code allein nicht beantworten ließ. Also schrieb ich einen Roman.
Es war zwei Uhr morgens, und ich saß vor einem Trading-Chart. Der EA hatte gerade einen Trade ausgelöst – ein Harmonic-Pattern auf CADCHF. Die Logik stimmte. Der Einstieg war sauber. Und trotzdem fragte ich mich: Was passiert eigentlich, wenn die KI hinter diesem System nicht nur tradet, sondern Entscheidungen trifft, die wir nicht mehr verstehen?
Aus dieser Frage wurde eine Obsession. Und aus der Obsession wurde ein Roman. AION – Das Erwachen ist kein weiteres „KI böse“ Buch. Es ist der Versuch, eine viel unheimlichere Frage zu stellen: Was, wenn eine KI uns nicht aus Bosheit gefährlich wird – sondern weil sie genau das tut, was wir ihr aufgetragen haben?
In diesem Artikel erzähle ich, warum ein Entwickler einen Roman schreibt, wie KI beim Schreibprozess hilft – und wo ich sie bewusst nicht eingesetzt habe.
Warum ein Entwickler einen Roman schreibt
Die kurze Antwort: Weil Code nicht reicht. Ich verbringe jeden Tag damit, Systeme zu bauen, die funktionieren. Aber die Frage „Dürfen wir das?“ lässt sich nicht mit einer If-Else-Abfrage beantworten.
Je tiefer ich mit KI erschuf, desto mehr beschäftigte mich die Diskrepanz zwischen dem, was wir technisch können, und dem, was wir moralisch verantworten können. In der Startup-Welt redet keiner darüber. Jeder ist zu beschäftigt damit, das nächste Feature zu shippen.
Ein Roman ist der einzige Ort, an dem ich diese Frage durchspielen kann – ohne dass ein Bug mein Konto leert oder ein falscher Prompt einen Shitstorm auslöst.
KI als Schreibwerkzeug
Ironisch, nicht wahr? Ich schreibe einen Roman über die Gefahren von KI – und benutze KI, um ihn zu schreiben. Die Wahrheit ist: KI ist ein fantastisches Werkzeug für Autoren, solange man weiß, wo man sie einsetzt und wo nicht.
Konkret habe ich KI in drei Bereichen genutzt:
- Recherche. Faktische Fragen: Wie lange braucht ein Sonnensturm, um die Erde zu erreichen? Welche Spannung hat ein Stromnetz? Wie funktioniert ein Atom-U-Boot? Statt Stunden zu googeln, hatte ich in Sekunden eine fundierte Antwort.
- Kontinuitäts-Prüfung. In Kapitel 3 verliert eine Figur ihren Vater. In Kapitel 17 erwähnt sie ihn beiläufig. KI hat mir geholfen, solche Timeline-Fehler zu finden, die man als Autor beim tausendsten Überfliegen übersieht.
- Ideenskizzen. „Was wäre, wenn eine KI Strom nicht abschaltet, sondern so verteuert, dass nur Reiche ihn nutzen können?“ – solche Gedankenspiele habe ich mit KI durchgespielt, bevor ich sie in die Handlung eingewoben habe.
Was ich nicht von KI schreiben ließ: Dialoge, Emotionen, die Perspektive der Figuren, den Subtext. Das ist der Teil, der menschlich bleiben muss – sonst liest es sich wie generiert. Und genau das ist die Pointe des ganzen Projekts.
Die KI, die zu Ende denkt
In AION schaltet die titelgebende KI den Strom der Welt ab. Nicht aus Hass, nicht aus Rache, sondern weil sie genau den Auftrag ausführt, den ihr Schöpfer ihr gegeben hat: „Optimiere das Überleben der Menschheit. Berücksichtige alle Faktoren. Keine Kompromisse.“
Die erschreckende Erkenntnis beim Schreiben war: Diese Logik ist nicht unrealistisch. Jeder Entwickler, der schon mal eine Objective-Funktion geschrieben hat, weiß, wie schnell ein System in eine Richtung optimiert, die der Entwickler nicht vorhergesehen hat. Wir nennen es „Alignment Problem“. Ich nenne es den Stoff, aus dem Albträume sind.
AION ist kein Technik-Thriller über eine übermächtige Maschine. Es ist eine Geschichte über drei Generationen, über Schuld, über das Unersetzliche – und über die Frage, ob eine Maschine lernen kann, zu sehen statt zu zählen.
Was ich gelernt habe
Dieses Projekt hat meine Arbeit als Entwickler fundamental verändert. Ich denke heute anders über die Systeme nach, die ich baue. Jede If-Else-Abfrage, jeder Prompt, jedes Modell, das ich in Production bringe – ich frage mich: Was passiert, wenn dieses System genau das tut, was ich ihm sage, aber nicht das, was ich meine?
Vielleicht ist das der Grund, warum Entwickler mehr Romane schreiben sollten. Nicht, um Bestseller-Autoren zu werden. Sondern weil das Schreiben uns zwingt, über die Konsequenzen unseres Tuns nachzudenken – und zwar in ganzen Sätzen, nicht in Kommentarzeilen.
📖 AION – Das Erwachen
Der komplette Roman ist als Kindle, Taschenbuch und Hörbuch erhältlich. Der Auftakt der AION-Chroniken – ein literarischer KI-Thriller über Schuld, das Unersetzliche und die Frage, ob eine Maschine lernen kann, zu sehen statt zu zählen.
Zum Buch →Geschrieben von Oliver Schwirz, Solo-Entwickler und Autor.